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Mensch & Gesellschaft

Kinder helfen überall – aber nicht auf die gleiche Weise

Ob in Deutschland, Kenia oder Bolivien: Kinder helfen Gleichaltrigen, wenn sie nicht weiterkommen. Eine internationale Studie mit Leipziger Beteiligung zeigt aber auch, dass die Art der Hilfe von der Umgebung geprägt ist, in der Kinder aufwachsen.

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Gruppe von Kikuyu-Kindern in Kenia
ikuyu-Kinder in Kenia. Wie Kinder Gleichaltrigen helfen, unterscheidet sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft. Die Grundlagen dieses Verhaltens sind jedoch kulturübergreifend ähnlich. © Henriette Zeidler

Ein anderes Kind kommt nicht weiter – und schon packen die Jüngsten mit an. Solche Momente kennen Eltern und Großeltern vom Spielplatz oder aus dem Kinderzimmer. Doch helfen Kinder einander überall auf der Welt auf ähnliche Weise? Ein internationales Team mit Leipziger Beteiligung hat das erstmals systematisch untersucht.

Beteiligt waren das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) und die Universität Leipzig, dazu Forschende aus Rom, Portsmouth, Plymouth und von der Duke University in den USA. Sie beobachteten 336 Kinder zwischen vier und neun Jahren aus sechs Gemeinschaften in Deutschland, Argentinien, Namibia, Kenia und Bolivien. 

Damit bezogen sie sehr unterschiedliche Lebenswelten ein, von modernen Industriegesellschaften bis zu kleineren Gemeinschaften von Jägern und Sammlern, Ackerbauern und Hirten. Bisher hatte die Forschung vor allem geschaut, wie Kinder Erwachsenen helfen.

Ein Murmelspiel als Test

Das Team entwickelte dafür ein einfaches Murmelspiel. Ein Kind sah zu, wie ein gleichaltriges auf Probleme stieß. Mal klemmte eine Kiste, mal fielen Murmeln auf den Boden. Das zuschauende Kind kannte die Lösung und konnte selbst entscheiden, ob und wie es hilft. "Auffällig war sofort, wie ähnlich die Reaktionen der Kinder waren – unabhängig davon, wo sie aufgewachsen sind", sagt Erstautorin Henriette Zeidler von der Sapienza Universität in Rom.

In allen sechs Kulturen halfen die Kinder verlässlich, vor allem wenn ihr Gegenüber tatsächlich Unterstützung brauchte. Bei einer klemmenden Kiste griffen sie eher ein als bei Murmeln, die auf den Boden gefallen waren und sich leicht allein aufsammeln ließen. Mit zunehmendem Alter unterschieden die Kinder dabei immer genauer, wann ihre Hilfe wirklich nötig war. Jüngere packten häufiger selbst an, ältere erklärten eher, wie sich ein Problem lösen lässt.

Helfen sieht nicht überall gleich aus

Feine kulturelle Unterschiede zeigten sich dennoch. Deutsche Kinder packten deutlich häufiger als alle anderen mit an und erklärten zugleich, was zu tun ist. Kikuyu-Kinder aus Kenia leisteten dagegen etwas seltener praktische Hilfe. Zwischen Jungen und Mädchen fanden die Forschenden keine relevanten Unterschiede.

"Diese Muster spiegeln die alltäglichen Interaktionen wider, mit denen Kinder vertraut sind", erklärt Zeidler. In vielen ländlichen Gemeinschaften, die sich weitgehend selbst versorgen, lernen Kinder vor allem durch Zuschauen und Mitmachen. In Deutschland verbinden Eltern Anleitung häufig mit ausführlichen Erklärungen. Die Kinder scheinen diesen Stil zu übernehmen, wenn sie Gleichaltrigen helfen.

"Helfen ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen menschlicher Kooperationsfähigkeit", sagt Daniel Haun, Direktor am MPI-EVA. Diese Fähigkeit zeige sich bei Kindern überall. Wie Kinder helfen, hängt aber auch davon ab, wie sie aufwachsen. Kinder lernen also nicht nur zu helfen. Sie lernen auch, wie sie anderen in ihrer Gemeinschaft sinnvoll helfen können.


Originalpublikation:
H. Zeidler, M. Schäfer, E. Herrmann, P. Kanngiesser, L. Maurits, D. Haun, & M. Tomasello: Children from six cultures reliably help their peers – but in different ways, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (40) e2515233123, (2026).