„Wir sollten viel stärker erklären, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert“
Wie lässt sich Vertrauen in Wissenschaft stärken? Reichen dafür Fakten oder braucht es mehr? Ein Interview mit Kommunikationsforscher Sven Engesser von der TU Dresden.
Wissenschaft war selten so präsent wie heute. Doch Präsenz bedeutet noch lange nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auch verstanden oder akzeptiert werden. Sven Engesser, Professor für Wissenschafts- und Technikkommunikation an der TU Dresden, erforscht, was passiert, wenn Wissenschaft auf Öffentlichkeit trifft.
Herr Professor Engesser, erreicht Wissenschaft die Menschen heute anders als noch vor zehn Jahren?
Die öffentliche Debatte hat sich stärker polarisiert. Es gibt Menschen, die die Bedeutung von Wissenschaft heute noch mehr schätzen als früher. Gerade durch die Pandemie hat Forschung an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig gibt es eine Gruppe, zum Glück eine Minderheit, die sich während der Pandemie stark von der Wissenschaft abgewandt und eine große Wissenschaftsskepsis bis hin zur Wissenschaftsfeindlichkeit entwickelt hat. Wer die erste Gruppe erreichen will, hat ein Heimspiel. Bei der zweiten wird es harte Arbeit.
Eigentlich müssten die Möglichkeiten dafür heute besser sein als je zuvor. Forschende brauchen keine klassischen Medien mehr, um selbst ein großes Publikum zu erreichen. Ist das tatsächlich ein Vorteil?
Vor etwa zehn Jahren gab es eine regelrechte Twitter-Euphorie. Viele Forschende hatten das Gefühl: Endlich können wir selbst unmittelbar von unserer Arbeit erzählen. Inzwischen ist eine Ernüchterung eingetreten. Denn dieselben Möglichkeiten nutzen auch Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verkürzt oder falsch darstellen, bewusst oder unbewusst. Dadurch, dass heute jeder zum Sender von Informationen werden kann, ist das Risiko für Des- und Falschinformationen dramatisch gestiegen.
Was kann Wissenschaft dagegen tun?
Machtlos ist sie nicht. Aus der Desinformationsforschung wissen wir zum Beispiel einiges über die sogenannte Inokulation. Das funktioniert ein bisschen wie eine Impfung gegen Falschinformationen. Menschen werden vorab darauf hingewiesen, mit welchen falschen Behauptungen sie möglicherweise konfrontiert werden und warum diese nicht stimmen. Danach sind sie gegenüber Falschinformationen resistenter. Wenn wir wissen, wo die Problemfelder liegen, können wir mit guter und offener Kommunikation durchaus etwas bewirken.
Aber kann man Menschen zurückgewinnen, die der Wissenschaft bereits misstrauen?
Wir müssen unterscheiden. Es gibt eine Gruppe, die sehr weit entfremdet und ideologisch gefestigt ist. Diese Menschen erreichen wir mit ein paar Botschaften nicht mehr. Aber es gibt andere, die sich beispielsweise durch ein bestimmtes Ereignis wie die Pandemie von der Wissenschaft entfernt haben. Die kann man durchaus wieder näher heranholen.
Ein Grund für Misstrauen könnte auch darin liegen, dass Wissenschaft anders funktioniert, als viele Menschen erwarten. Eine Studie kommt zu einem Ergebnis, die nächste widerlegt es. Muss das Warum dahinter besser erklärt werden?
Auf jeden Fall. Es macht einen großen Unterschied, welches Wissenschaftsverständnis Menschen haben. Die einen wissen, Wissenschaftler sind fehlbar, Erkenntnisse können sich ändern, Wissenschaft ist im Fluss. Dem gegenüber steht ein eher dogmatisches Bild. Es gibt die eine Wahrheit. Und die Wissenschaft kennt sie entweder schon oder hat sie noch nicht herausgefunden. Wenn sie dann Unsicherheit kommuniziert, kann sogar der Eindruck entstehen, sie würde die Wahrheit verheimlichen.
Was hilft bei einer solchen Ansicht?
Wir sollten viel stärker erklären, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert. Wie Erkenntnisse gewonnen werden, wie viel Irrtum damit einhergeht und was für ein langer Weg das sein kann. Und wir sollten nicht immer nur Ergebnisse präsentieren, sondern zum Beispiel auch zeigen, wie eine Studie entsteht.
Aber beschädigt es nicht das Vertrauen in Wissenschaft, wenn Forschende offen sagen: Wir wissen es noch nicht genau?
Das ist tatsächlich ein Dilemma. Wenn Wissenschaftler Unsicherheit kommunizieren, können Menschen sagen: Das finde ich ehrlich und offen. Der gibt zu, dass er etwas nicht weiß. Andere denken vielleicht: Wenn der es nicht genau weiß, ist er offenbar nicht kompetent.
Also was sollten Forschende tun?
Ich glaube, dass es besser ist, Unsicherheiten zu kommunizieren. Wissenschaft und auch der Journalismus denken manchmal, wir könnten das den Menschen nicht zumuten, wir müssen ihnen einfache Wahrheiten liefern. Das kann bevormundend sein. Studien zeigen, dass Menschen häufig durchaus mit Unsicherheit umgehen können.
Welche Rolle spielt die Finanzierung beim Blick auf Forschung? Auch sie wird häufig als Argument benutzt, um wissenschaftliche Ergebnisse infrage zu stellen.
Es kommt sehr darauf an, um welche Forschung es geht. An Universitäten und gerade in den Sozialwissenschaften stammen viele Mittel von öffentlichen Geldgebern. In meinem Forschungsbereich ist der Interessenkonflikt deshalb meist gering. Anders sieht es beispielsweise bei Industrie- oder Auftragsforschung aus. Auch bei Militärforschung schauen Menschen inzwischen sehr genau hin. Wer bezahlt eigentlich was? Das finde ich grundsätzlich nicht schlecht.
Müsste Wissenschaft dann nicht einfach vollständig offenlegen, wer sie finanziert und unter welchen Bedingungen?
Das ist nicht immer möglich. Es können beispielsweise Geheimhaltungsklauseln bestehen oder Industriegeheimnisse betroffen sein. Transparenz bedeutet deshalb nicht automatisch, dass immer alles veröffentlicht werden kann. Man muss im Einzelfall abwägen.
Bei Wissenschaftskommunikation wird viel darüber gesprochen, wie man Menschen erreicht. Wollen die Menschen denn überhaupt mehr über Wissenschaft erfahren?
Ja. Das Interesse an Wissenschaft ist sogar gestiegen, gerade auch bei der jüngeren Generation. Gleichzeitig ist Wissenschaft für unseren Alltag immer wichtiger geworden. Viele Entscheidungen lassen sich heute kaum noch ohne ein gewisses wissenschaftliches Grundverständnis treffen.
Zum Beispiel?
Wenn mir im Internet beispielsweise eine Klimaanlage ohne Abluftschlauch angeboten wird, hilft ein physikalisches Grundverständnis dabei zu erkennen, dass da etwas nicht stimmen kann. Sonst gebe ich vielleicht Hunderte Euro für ein Produkt aus, das nicht funktionieren kann. Dasselbe gilt für Gesundheit und Ernährung. Millionen junger Menschen fragen sich, welche Produkte tatsächlich gut für ihre Haut sind oder welchen Sonnenschutz sie brauchen. Wissenschaft ist für solche alltäglichen Entscheidungen unglaublich relevant.
Muss Wissenschaft deshalb stärker darüber nachdenken, was die Menschen tatsächlich wissen wollen?
Unbedingt. In der Wissenschaft fehlt manchmal der Blick dafür, was gesellschaftlich wirklich relevant ist und was die Menschen umtreibt. Wir haben unsere Fachlogik im Kopf und denken, eine Studie ist wichtig, weil der Fachdiskurs sie verlangt. Aber die Fragen der Menschen sind davon oft gar nicht so weit entfernt.
Aber die muss Forschung ja erst einmal kennen. Braucht es dafür mehr Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?
Ja. Das passiert bereits durch Beteiligungs- und Bürgerwissenschaftsprojekte sowie andere dialogische Formate. Aber wir dürfen nicht erwarten, dass Menschen auf Kommando sofort sagen können, was ihre Bedürfnisse sind und welche Forschung sie sich wünschen. Auch das ist ein Prozess.
Um Menschen zu erreichen, muss Wissenschaft also stärker verstehen, was sie bewegt. Geht es dabei nur um ihre Interessen und Bedürfnisse?
Nein, wir dürfen dabei eine wichtige Komponente nicht vergessen: die Emotionen. Wissenschaft beruht gerade in Europa stark auf der Tradition der Aufklärung und der Vorstellung vom vernunftbegabten Menschen. Das hat uns lange gute Dienste geleistet. Aber wir müssen die Rolle von Emotionen stärker berücksichtigen.
Warum?
Viele unserer Modelle zeigen, dass Menschen häufig zuerst emotional reagieren und erst danach die Vernunft einsetzen. Und inzwischen werden selbst Themen emotionalisiert und polarisiert, bei denen wir das früher kaum erwartet hätten. Energie gehört dazu, Mobilität oder Raumfahrt. Wissenschaftskommunikation muss deshalb verstehen, dass sie nicht nur mit Fakten zu tun hat. Sie kommuniziert mit Menschen.