Mandrill-Affen: Fehlgeburt als Strategie der Natur?
Mandrill-Weibchen verlieren häufiger ihr Ungeborenes, wenn sie noch ein kleines Jungtier versorgen. Eine Langzeitstudie zeigt, welche Rolle das Verhalten des älteren Jungen dabei spielt.
Manchmal dürfen Mama und Papa nicht weit weg sein. Das Kind weint, es sucht die körperliche Nähe seiner Eltern und will in den Arm genommen werden. Wer Kinder hat, kennt solche Momente. Der Nachwuchs von Affenmüttern kann ähnlich anhänglich sein. Bei Mandrills beeinflusst das Verhalten der Jungen sogar, ob das Muttertier eine Fehlgeburt hat.
Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, an dem auch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt war. Mit dabei waren außerdem Forschende aus Montpellier und der finnischen Universität Turku.
Protest vom Jungtier
Mandrills leben in den Regenwäldern Zentralafrikas. In Gabun beobachtete das Forschungsteam elf Jahre lang 117 Weibchen, bei denen sie dabei 356 Schwangerschaften erfassten. Die Tiere gehören zu einer weltweit einzigartigen wildlebenden Mandrillpopulation. Sie sind soweit an Menschen gewöhnt, dass Forschende sie regelmäßig aus der Nähe beobachten können.
Was die Forschenden herausfanden: Weibchen, die erneut schwanger wurden, während sie noch ein Junges versorgten, verloren häufiger ihr Ungeborenes. Das Risiko war besonders hoch, wenn das ältere Jungtier häufig protestierte und sehr beharrlich die Zuwendung seiner Mutter suchte. War diese erneut trächtig, reagierte sie darauf oft nicht.
"Wir haben mehr als ein Jahrzehnt an Beobachtungsdaten zur Fortpflanzung mit nicht-invasiven Daten zu Trächtigkeiten sowie detaillierten Verhaltensbeobachtungen von Müttern und Jungtieren miteinander kombiniert", sagt Nikolaos Smit von der Universität von Turku. Er forschte zuvor in Leipzig.
Die Tiere mussten für die Beobachtungen nicht eingefangen oder körperlich untersucht werden. Ob ein Mandrill-Weibchen Nachwuchs erwartet, ist unter anderem an einer auffälligen Schwellung im Dammbereich zu sehen.
Scheitern oder Strategie?
Fehlgeburten kommen bei Primaten einschließlich des Menschen relativ häufig vor. Schätzungen zufolge enden zehn bis 20 Prozent der Schwangerschaften so. Bei den untersuchten Mandrills waren es knapp 15 Prozent: 52 von 356 Schwangerschaften.
"Fötusverlust wird typischerweise als eine Form des reproduktiven Scheiterns betrachtet“, sagt Marie Charpentier. Sie leitet das "Mandrillus Project". Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Fehlgeburt im Laufe der Evolution unter bestimmten Umständen ein Vorteil gewesen sein könnte. Die Mutter hätte dann mehr Kraft für das Junge, das sie bereits hat.
Dafür spricht ein weiterer Befund. Weibchen mit Fehlgeburt bekamen schneller wieder Nachwuchs als Weibchen, deren Junges nach der Geburt starb. Sie brachten anschließend auch mehr Nachkommen hervor, die das Erwachsenenalter erreichten. Von anderen Primatenarten ist bekannt, dass das jüngere von zwei kurz hintereinander geborenen Jungen ein besonders hohes Risiko hat, früh zu sterben.
Auch bei Dscheladas, einer Affenart in Äthiopien, hängt das Risiko einer Fehlgeburt offenbar davon ab, was in der Gruppe passiert. Übernimmt ein neues Männchen die Führung, verlieren trächtige Weibchen besonders häufig ihr Ungeborenes. Forschende vermuten, dass der Körper der Weibchen damit auf eine Gefahr reagiert: Der neue Anführer könnte die Jungen seines Vorgängers töten.
Die Mandrill-Studie zeigt allerdings zunächst nur statistische Zusammenhänge. Ob das Protestverhalten der Jungtiere tatsächlich Fehlgeburten begünstigt und welche körperlichen Vorgänge dabei eine Rolle spielen, müsste erst noch erforscht werden. Ebenso offen ist, ob sich aus den Ergebnissen Rückschlüsse auf den Menschen ziehen lassen.
Wissen zum Weitersagen:
Wenn eine Mandrill-Mutter wieder schwanger wird, während sie noch ein kleines Junges versorgt, kommt es häufiger zu einer Fehlgeburt. Besonders hoch ist das Risiko, wenn das Junge oft nach seiner Mutter verlangt. Warum das so ist, wissen die Forschenden noch nicht.
Originalpublikation:
Nikolaos Smit, Berta Roura-Torres, Axelle Delaunay, Alice Baniel, Elise Huchard, Marie J. E. Charpentier: Infant presence and mother-infant conflict predict fetal loss in wild mandrills, PLOS Biology, 3 November 2026.