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Mensch & Gesellschaft

Neandertaler-Gene beeinflussen unsere Muskelmasse bis heute

Ein genetisches Erbe der Neandertaler wirkt bei manchen Menschen bis heute nach. Forschende aus Leipzig und Stockholm zeigen, womit das zusammenhängt.

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Mann trainiert mit einer Hantel
Wie viel Muskelmasse ein Mensch hat, wird auch von seinen Genen beeinflusst. Eine vom Neandertaler geerbte Genvariante hängt bei heutigen Trägern mit etwas mehr Muskelmasse zusammen. © Engin Akyurt/pixabay

Wie viel Muskelmasse ein Mensch hat, hängt nicht nur von Bewegung und Lebensweise ab. Auch die Gene spielen eine Rolle – und manche davon stammen noch von den Neandertalern. Ein internationales Forschungsteam hat jetzt eine solche Genvariante genauer untersucht. Sie beeinflusst die Wirkung des Wachstumshormons und hängt bei heutigen Trägern mit etwas mehr Muskelmasse zusammen. An der Studie war auch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt. 

Im Zentrum der Forschung steht der Wachstumshormonrezeptor. Er sitzt auf Körperzellen und empfängt das Wachstumshormon aus der Hirnanhangsdrüse. So löst er das Wachstum von Muskeln und Knochen aus. Die Forschenden entdeckten zwei Veränderungen an diesem Rezeptor, die typisch für die Neandertaler-Variante sind. 

Neandertaler-Variante reagiert stärker auf Wachstumshormon 

Im Labor zeigte sich der Unterschied deutlich. Gaben die Forschenden Wachstumshormon zu den Zellen, wuchsen jene mit der Neandertaler-Variante 40 Prozent stärker als Zellen mit der heute häufigeren Variante. In den Genen des modernen Menschen landete diese Variante vor etwa 47.000 Jahren, als sich Homo sapiens und Neandertaler vermischten. Bis heute ist sie erhalten geblieben, allerdings sehr unterschiedlich verteilt. In Teilen Südasiens tragen sie bis zu 24 Prozent der Menschen, in Europa dagegen nur etwa 0,5 Prozent.

"Mich hat am meisten beeindruckt, dass zwei völlig unterschiedliche Arten von Belegen dieselbe Geschichte erzählen", sagt Philipp Kanis, Erstautor der Studie und Postdoc am MPI-EVA. Zum einen reagierten Laborzellen stärker auf Wachstumshormon. Zum anderen zeigten Daten von über einer Million Menschen denselben Effekt im Körper. Es sei selten, dass Labordaten und Daten aus der Bevölkerung so klar übereinstimmen, ergänzt der Wissenschaftler.

Unterschiede erst nach der Kindheit 

In der Kindheit scheint die Genvariante noch keinen Unterschied zu machen. Bei mehr als 6.000 Kindern fanden die Forschenden bis zum Alter von elf Jahren keinen Zusammenhang mit dem Wachstum. Erst später, möglicherweise in der Pubertät, könnte sich die Wirkung bemerkbar machen. Dann steigt auch der Wachstumshormonspiegel deutlich. Bei Erwachsenen hatten Träger der Neandertaler-Variante im Schnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse.

"Als CrossFit-Athletin hat es mich sehr gefreut, Neandertaler-Genetik und Muskelmasse in einer Studie vereint zu sehen", sagt Co-Autorin Miriam Berreiter. "Aber auch ein Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor ersetzt kein Training."

Auch bei Schädel und Zähnen fanden die Forschenden kleine Unterschiede. Träger der Variante hatten tendenziell einen etwas kürzeren hinteren Unterkiefer und kürzere Zahnwurzeln. Letztere gehören zu den typischen Merkmalen der Neandertaler. "Es ist faszinierend, dass eine von Neandertalern vererbte genetische Veränderung noch heute Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben kann", sagt Studienleiter Hugo Zeberg vom Karolinska Institutet in Schweden. Allerdings sei die Genvariante nur einer von vielen Faktoren, die Wachstum und Körperform beeinflussen. Den kräftigen Körperbau der Neandertaler allein könne sie nicht erklären.


Originalpublikation:
Philipp Kanis, Miriam Berreiter, Daniel Sieme, Olivia Wootton, Xiang-Chun Ju, Nicholas E. Holzwart, David Ziliang Hu, Shu Tadaka, Makiko Taira, Kengo Kinoshita, Richard Ågren, Johan G. Olsen, Tomislav Maricic, Hilary C. Martin, Birthe B. Kragelund, Svante Pääbo, Andrew J. Brooks, and Hugo Zeberg
Increased signaling of the Neanderthal growth hormone receptor, Current Biology, 2026.