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Energie & Mobilität

Wasserstoff-Experte: „Wir sind gut genug, um anzufangen“

Künftig soll Wasserstoff eine Rolle bei der Energieversorgung spielen. Doch das Gas ist schwierig zu händeln. Prof. Peter Wasserscheid arbeitet an Lösungen.

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Peter Wasserscheid mit dem Archimedes Science Award 2026
Peter Wasserscheid wurde mit dem Archimedes Science Award 2026 für seine Forschung zu Wasserstofftechnologien ausgezeichnet. © Robert Lohse

Wasserstoff soll künftig dort Energie liefern, wo Strom allein nicht ausreicht. Dafür muss er sich aber sicher speichern, transportieren und bezahlbar nutzen lassen. Seit vielen Jahren arbeitet der Chemieingenieur Prof. Peter Wasserscheid an Lösungen dafür. In Dresden wurde er jetzt mit dem Archimedes Science Award 2026 ausgezeichnet. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis wird unter Leitung der TU Dresden vom Freistaat Sachsen und DRESDEN-concept vergeben. Wozu wir Wasserstoff brauchen, erklärt der Experte im Interview. 

Professor Wasserscheid, Sie haben einen Lehrstuhl an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und arbeiten zugleich am Forschungszentrum Jülich. Wo bekommt der Preis aus Sachsen denn jetzt seinen Platz?
Ich glaube, in Erlangen. Nicht, weil ich dort häufiger bin, sondern weil ich dort ein etwas größeres Büro habe. 

Wann wurde Wasserstoff für Sie zu einem Forschungsthema, bei dem Sie das Gefühl hatten: Hier kann ich etwas bewegen?
Ich habe zunächst mit ganz anderen Dingen angefangen, mit flüssigen Salzen. Diese haben sich für verschiedene Wasserstofftechnologien als sehr günstig herausgestellt. Über diese Arbeit bin ich ein bisschen in das Thema Wasserstoff hineingerutscht. Und es hat mich fasziniert. Dann kam es zur Reaktorkatastrophe in Fukushima und das machte die Suche nach einer neuen Art der Energieversorgung drängender. Mir war klar: In der Energietechnologie wird sich sehr viel verändern. Ich fand es spannend, Teil dieser Veränderung zu sein. Gemeinsam mit vielen Kollegen haben wir schließlich die Ideen für flüssige Wasserstoffspeicher entwickelt.

Wir haben Strom aus Sonne und Wind sowie aus fossilen Quellen wie Kohle oder Gas. Warum brauchen wir zusätzlich Wasserstoff?
Man kann nicht jedes Energieproblem mit Strom lösen. Das beste Beispiel ist der Mensch selbst. Wir laden uns abends nicht mit einem Stecker auf, sondern müssen etwas essen. Wir versorgen uns also stofflich mit Energie. Auch technisch gibt es Anwendungen, die sich nur schwer allein mit Strom versorgen lassen. Dazu gehören etwa große, schwere Fahrzeuge oder der Transport und die langfristige Lagerung von Energie. Und es gibt Prozesse, die Wasserstoff als chemisches Element brauchen, zum Beispiel bei der Herstellung von Eisen und Stahl.

Wasserstoff ist allerdings ein Gas. Wie lässt er sich so speichern, dass wir ihn ähnlich einfach transportieren können wie heute Benzin oder Diesel?
Genau das ist die Herausforderung. Wasserstoff ist das leichteste Element im Periodensystem und bezogen auf seine Masse sehr energiereich. Als Gas bei normalem Druck hat er aber eine geringe Energiedichte. Flüssig wird er erst bei minus 253 Grad Celsius. Wir verfolgen deshalb die Idee, den Wasserstoff chemisch an eine Flüssigkeit zu binden. Mithilfe eines Katalysators reagiert er mit einer energiearmen Flüssigkeit. Daraus entsteht eine energiereiche Flüssigkeit, die sich lagern, transportieren und verteilen lässt. Die Reaktion ist umkehrbar. An einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit kann der Wasserstoff wieder freigesetzt werden.

Welchen Vorteil hat das?
Der große Vorteil ist, dass wir dafür bestehende Infrastruktur nutzen können. Weltweit gibt es Tankschiffe, Tanklager und Tankbehälter für flüssige Kraftstoffe. Wenn wir ein weltweites Problem schnell lösen wollen, ohne überall neue Infrastruktur zu bauen, müssen wir diese Behälter künftig mit etwas füllen können, das keine fossile Energie mehr ist, sondern gespeicherte grüne Energie. Das wäre Wasserstoff.

Sie beschäftigen sich in Jülich auch damit, welche Rolle Wasserstoff beim Strukturwandel ehemaliger Braunkohleregionen spielen kann. Was reizt Sie daran?
Es geht darum, die Braunkohle durch klimafreundlichere Energie zu ersetzen und gleichzeitig neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben häufig das Problem, Wandel zu gestalten: Wenn alles gut zu laufen scheint, gibt es wenig Grund, etwas scheinbar Funktionierendes durch etwas Besseres zu ersetzen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben viele neue Ideen, aber die Leute fragen zu Recht, warum sie das Risiko eingehen sollen, etwas Neues auszuprobieren. In einer Braunkohleregion ist klar, dass sich etwas verändern muss. Kraftwerke werden abgeschaltet und Unternehmen müssen sich künftig anders mit Energie versorgen. Das bietet die Chance, neue Lösungen auszuprobieren und zu zeigen, dass sie funktionieren. Wenn das gelingt, können sie später auch an anderen Orten weltweit eingesetzt werden.

Kritiker der Energiewende befürchten, dass die Veränderungen teuer werden und die Menschen am Ende draufzahlen. Was sagen Sie ihnen?
Diese Kritik muss man als Wissenschaftler sehr ernst nehmen. Nur wenn die Menschen die Transformation wollen, kann sie stattfinden. Letztlich ist es unsere Aufgabe zu überzeugen und zu zeigen: Diese Art der Veränderung ist am Ende auch für deinen Geldbeutel besser. Deshalb bin ich ein großer Freund davon, nicht alles politisch zu verordnen und zu subventionieren. Wir Wissenschaftler sollten so lange nicht zufrieden sein, bis wir eine Lösung haben, die wirklich überzeugt. Die also auch ohne besondere Randbedingungen objektiv besser ist als das, was wir bisher haben. Das dauert vielleicht länger. Aber am Ende hat eine solche Lösung die Kraft, sich weltweit durchzusetzen.

Wie lange wird es dauern, bis sich Wasserstofftechnologien durchsetzen?
Ich sage immer, wir sind gut genug, um anzufangen. Bis solche Technologien im Tagesgeschäft selbstverständlich überall dort eingesetzt werden, wo sie sinnvoll sind, wird es vielleicht noch zehn bis 15 Jahre dauern. Das sind Zeiträume, mit denen man bei solchen Transformationsprozessen rechnen muss. Es hat damals aber auch mehrere Jahrzehnte gedauert, in Deutschland das Strom- und das Gasnetz aufzubauen. Gemessen an solchen Zeiträumen sind zehn oder 15 Jahre vergleichsweise kurz.