Lenken statt nur bremsen: Wenn der Unfall unvermeidbar ist
Ein Notbremsassistent im Auto soll einen Unfall verhindern. Doch manchmal reicht Bremsen nicht. Die TU Chemnitz erforscht, wie Verletzungen für Fußgänger möglichst leicht ausfallen.
Ein Fußgänger tritt plötzlich zwischen zwei parkenden Autos auf die Straße. Der Fahrer des Autos bremst sofort, doch der Weg zum Anhalten reicht nicht mehr. In solchen Sekunden kann sich entscheiden, wie schwer ein Mensch verletzt wird. Innerhalb von Ortschaften waren 2025 laut Statistischem Bundesamt fast zwei Drittel der Verkehrstoten zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs.
Viele neue Autos haben einen Notbremsassistenten. Er kann Menschen auf der Fahrbahn erkennen und automatisch bremsen. An der Technischen Universität Chemnitz wird nun gemeinsam mit Partnern an einer Technik geforscht, die mehr können soll als bremsen. Sie soll bei einem unvermeidbaren Unfall auch gezielt lenken. Das Ziel ist nicht mehr, den Zusammenstoß zu verhindern, sondern die Verletzungen möglichst gering zu halten.
Wenn Bremsen allein nicht reicht
Im Forschungsprojekt VIRTUS entwickeln Forschende einen Algorithmus, also einen festgelegten Rechenweg. Er wertet die Daten der Fahrzeugsensoren aus, sagt voraus, wie sich ein Fußgänger oder Radfahrer bewegt, und berechnet, wie das Auto bremsen und lenken soll.
Dass Autos selbstständig bremsen oder ausweichen, ist dabei nicht neu. Das gibt es bereits. Wichtiger ist den Wissenschaftlern eine andere Frage: Was passiert, wenn ein Zusammenstoß trotzdem unvermeidbar ist? Dann kommt es auch darauf an, wo und in welchem Winkel das Fahrzeug einen Menschen trifft. Genau das soll die neue Steuerung berücksichtigen.
Erste Computersimulationen im Vorgängerprojekt ATTENTION zeigten bereits, dass sich das Verletzungsrisiko durch gezieltes Bremsen und Lenken verringern lässt. In den kommenden drei Jahren wollen die Forschenden prüfen, ob das auch unter realistischen Bedingungen zuverlässig funktioniert. Der Bund fördert das Projekt mit rund 1,6 Millionen Euro, davon erhält die TU Chemnitz 247.000 Euro. Beteiligt sind außerdem die Technische Universität Berlin und das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, das das Projekt leitet.
Echte Menschen im virtuellen Straßenverkehr
Für die Tests werden ein echtes Auto auf einem Prüfstand, ein Fahrer und ein virtueller Fußgänger miteinander verbunden. So lassen sich gefährliche Verkehrssituationen nachstellen, ohne jemanden in Gefahr zu bringen. "Das ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur einsatzbereiten Sicherheitstechnologie", sagt Projektleiter Thomas Soot vom Fraunhofer-Institut.
Das Team um den Chemnitzer Psychologen Professor Stefan Brandenburg untersucht, wie Fahrer und Fußgänger auf solche Manöver reagieren. Dabei geht es auch um die Frage, ob Menschen der Technik vertrauen und wie ihr Verhalten deren Wirkung beeinflusst.
Die Forschenden wollen mit VIRTUS nicht nur die neue Fahrfunktion erproben. Sie entwickeln auch Testverfahren und ethische Leitlinien, die sich künftig für andere automatisierte Fahrsysteme nutzen lassen. Denn die Frage, wie sich Menschen bei einem unvermeidbaren Unfall am besten schützen lassen, stellt sich auch in anderen Situationen.