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Renaturierung: Die Artenvielfalt ist nicht alles

Flüsse und Bäche werden vielerorts wieder naturnäher gestaltet. Mehr Artenvielfalt bedeutet aber nicht automatisch, dass sich auch wichtige Prozesse erholen.

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Renaturierung an der unteren Mulde, an der Uferbefestigungen entfernt wurden.
An der unteren Mulde wurden Uferbefestigungen entfernt, damit sich der Fluss wieder natürlicher entwickeln kann. Aber reicht das schon? © M. Vieweg

Ein Bach schlängelt sich wieder durch die Landschaft. Am Ufer stehen Weiden, im Wasser liegen Baumstämme. Viele kennen solche renaturierten Gewässer vom Spaziergang. Doch ein Bach, der wieder natürlich wirkt, bildet nicht automatisch ein gesundes Ökosystem. Das zeigt eine internationale Studie unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. 

Der Mensch hat viele Fließgewässer begradigt und aufgestaut. Ihre Ufer wurden befestigt. In Deutschland erreichen laut Umweltbundesamt weniger als zehn Prozent der Flüsse und Bäche einen mindestens guten ökologischen Zustand. Renaturierungen sollen das ändern. Dafür werden etwa Uferbefestigungen entfernt, Flussläufe umgestaltet oder Baumstämme ins Wasser gelegt.

Mehr Arten, aber kein Selbstläufer

Ein Forschungsteam aus 13 Einrichtungen hat nun untersucht, was solche Maßnahmen tatsächlich bewirken. Dafür wertete es 66 wissenschaftliche Studien mit Daten von 281 Flüssen und Flussabschnitten aus Europa, Nordamerika, Asien und Ozeanien aus. Es handelte sich um eine sogennante Metaanalyse, bei der die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen zusammengeführt und gemeinsam ausgewertet werden.

Bei Tieren und Pflanzen zeigen sich demnach im Durchschnitt positive Veränderungen. So nimmt etwa die Artenvielfalt zu. Anders sieht es bei den Vorgängen aus, die im Wasser selbst ablaufen. Fachleute sprechen von Ökosystemfunktionen. Dazu gehört beispielsweise, dass Algen und Wasserpflanzen mithilfe von Sonnenlicht wachsen, dass Nährstoffe aufgenommen werden oder dass Laub im Wasser zersetzt wird. Solche Prozesse bestimmen mit, wie das Ökosystem funktioniert.

Die Forschenden wollten wissen, ob sich diese Funktionen ebenso erholen wie die Artenvielfalt. Doch dafür fanden sie kaum eindeutige Belege. Eine natürlichere Gewässerstruktur und mehr Tier- und Pflanzenarten bedeuten also nicht zwangsläufig, dass auch die ökologischen Prozesse wieder besser funktionieren.

Messen, was der Fluss leistet

Neun ökologische Funktionen konnte das Team genauer vergleichen. Nur bei einer zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen renaturierten und beeinträchtigten Gewässerabschnitten. In den renaturierten Bereichen wandelten Mikroorganismen weniger Nitrat in gasförmige Stickstoffverbindungen um.

Das muss nicht schlecht sein, erklärt Studienkoordinator Mario Brauns vom UFZ. Möglicherweise war dort einfach weniger überschüssiger Stickstoff vorhanden. Bei den übrigen acht Funktionen ließ sich kein eindeutiger Unterschied nachweisen. Die Studie zeigt damit nicht, dass Renaturierungen wirkungslos wären. Sie macht vielmehr deutlich, dass sich aus einer größeren Artenvielfalt allein noch nicht ableiten lässt, ob sich auch die ökologischen Funktionen erholt haben.

Das ist besonders mit Blick auf die 2024 beschlossene EU-Wiederherstellungsverordnung wichtig. Sie macht die Erholung natürlicher Ökosystemfunktionen zu einem Ziel der Renaturierung. Bislang wird der Erfolg solcher Maßnahmen aber vor allem daran gemessen, wie sich die Gewässerstruktur und die Tier- und Pflanzenwelt entwickeln.

"Wir müssen Monitoring und Erfolgskontrolle künftig um diese Indikatoren ergänzen", sagt Brauns. Gemeint sind Messwerte, die beispielsweise zeigen, wie ein Gewässer Nährstoffe verarbeitet oder organisches Material abbaut.

Dafür braucht es auch geeignete Vergleichswerte aus möglichst naturnahen Gewässern. Denn nur wenn bekannt ist, wie diese Prozesse unter natürlichen Bedingungen ablaufen, lässt sich beurteilen, ob sie sich nach einer Renaturierung tatsächlich erholt haben.

Die wissenschaftlichen Messverfahren dafür gibt es bereits. Was bislang fehlt, sind einheitliche Maßstäbe für ihre Bewertung und den Einsatz in der Praxis. Künftig soll bei der Renaturierung deshalb nicht nur zählen, wie ein Bach aussieht und welche Arten dort leben, sondern auch, was im Wasser passiert.


Originalpublikation:
Haase, U., D. C. Allen, C. Anlanger, et al. 2026. “ Hydromorphological Restoration of Streams Does Not Ensure the Recovery of Ecosystem Functioning.” Global Change Biology 32, no. 10: e71126.