Wie Deutschlands Lieblingspilz ohne Torf wachsen soll
Torf gehört bislang zur Champignonzucht dazu. Doch sein Abbau schadet dem Klima. Forschende aus Sachsen suchen deshalb nach einer Alternative für die Abdeckerde, auf der die Pilze wachsen.
Die Deutschen lieben Champignons. Jeder Mensch verbraucht hier pro Jahr rund 1,9 Kilogramm Champignons. Im Jahr 2025 machten sie fast 98 Prozent der deutschen Speisepilzernte aus. Kein anderer Speisepilz wird in Deutschland so häufig angebaut.
Damit Champignons wachsen, reicht das Pilzsubstrat, in dem sie wachsen, nicht aus. In den Zuchtbetrieben liegt darüber eine mehrere Zentimeter dicke Schicht Abdeckerde. Sie speichert Wasser und schafft damit die Bedingungen, unter denen sich Champignons wohlfühlen. Nur so bilden sie ihre Fruchtkörper aus. Bislang enthält diese Erde jedoch viel Torf. Das soll sich ändern.
Torf entsteht über Jahrtausende in Mooren und speichert große Mengen Kohlenstoff. Werden Moore entwässert und Torf abgebaut und genutzt, gelangt ein Teil dieses Kohlenstoffs als Kohlendioxid in die Atmosphäre. Dort hält das Treibhausgas zusätzlich Wärme zurück. Dadurch erwärmt sich die Erde. Deshalb soll im professionellen Gartenbau in Deutschland bis 2030 deutlich weniger Torf verwendet werden. Doch dafür braucht es Stoffe, die ähnlich gut funktionieren.
Natalie Rangno vom Institut für Holztechnologie Dresden (IHD) forscht an einer Lösung. Gemeinsam mit dem Dresdner Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS und den LAV Erdenwerken in Markranstädt arbeitet sie an einer Abdeckerde, die sogar ganz ohne Torf auskommt.
120 Mischungen für eine neue Erde
Das ist allerdings gar nicht so einfach. Torf speichert viel Wasser und sorgt gleichzeitig für einen guten Luftaustausch. "Ein Ersatz muss diese Eigenschaften möglichst ebenfalls haben", erklärt die Wissenschaftlerin. Im Forschungsprojekt MykoDeck untersuchten Rangno und ihre Partner in einem ersten Schritt 45 Roh- und Reststoffe. Daraus stellten sie 120 Mischungen her. Am Ende entwickelten sie zwölf Rezepturen für torfreduzierte oder vollständig torffreie Abdeckerden. Drei davon testeten Betriebe.
Grundsätzlich funktionierte es. Eine Mischung mit 50 Prozent weniger Torf kam in fünf Betrieben bei braunen Champignons zum Einsatz. Zwei vollständig torffreie Varianten testete die Reitzenhainer Pilzkorb GmbH, kurz ReiPiKo. Nach drei Erntewellen waren die Erträge ähnlich hoch wie mit herkömmlicher torfhaltiger Abdeckerde. "Inzwischen haben wir mehrfach gezeigt, dass die torffreien Mischungen im kleinen Maßstab funktionieren", sagt Natalie Rangno. Die Versuche machten aber auch deutlich, wo es noch hakt. Vor allem die Wasserversorgung ist anspruchsvoll. Die torffreie Erde trocknet schneller aus.
Vom Labor in die große Champignonzucht
Doch lässt sich, was im Kleinen gelingt, auch auf große Champignonbetriebe übertragen? Genau das prüft das Folgeprojekt MykoDeckPro. Für die LAV Erdenwerke ist das ein großer Schritt. Das Unternehmen produziert Erden und Substrate, hatte aber vor MykoDeck keine Erfahrung mit Pilzzucht. "Wir betreten mit dieser Abdeckerde Neuland", sagt Falko Windisch, in der Firma zuständig für Forschung und Entwicklung sowie Produkt- und Qualitätsmanagement. Aus den Versuchsmischungen sollen Abdeckerden entstehen, die sich in großen Mengen herstellen lassen. Nach Windischs Kenntnis verzichten die Projektpartner dabei als Einzige vollständig auf Torf.

Modellbetriebe des Bundes Deutscher Champignon- und Kulturpilzanbauer testen die neue Abdeckerde unter realen Produktionsbedingungen. Eine Schlüsselfrage ist, wie viel Wasser die torffreie Erde benötigt. Rangno und ihr Team erarbeiten klare Empfehlungen, mit welchen Wassermengen sie die nötige Feuchtigkeit erreichen. Doch nicht nur die Abdeckerde könnte sich verändern. Auch für die Pilzzüchter bedeutet die Umstellung neue Abläufe. "Die Produzenten müssen erst einmal lernen, mit der neuen Abdeckerde umzugehen", sagt Windisch.
Drei Partner für den Praxistest
Im Projekt teilen sich die Partner die Aufgaben. Rangno und das IHD optimieren unter anderem die Rezepturen und untersuchen die Abdeckerden biologisch und chemisch. Die LAV Erdenwerke arbeiten an den Produktionsverfahren und daran, eine gleichbleibende Qualität in größeren Mengen zu erreichen. Das Fraunhofer IKTS untersucht unter anderem Rohstoffe und Produktionsbedingungen und begleitet die Entwicklung wissenschaftlich.
Die jüngsten Versuche stimmen Natalie Rangno zuversichtlich. Die Ergebnisse sähen gut aus, sagt sie. Doch am Ende reicht es nicht, wenn auf der torffreien Abdeckerde Champignons wachsen. Sie soll sich auch in großen Mengen herstellen lassen und zuverlässig funktionieren. Wichtig ist, dass sie in die Abläufe der Pilzzüchter passt. Erst dann zeigt sich, ob die Mischung aus dem Labor auch im Großen funktioniert.