„Zwei Hünde!“ – Warum Kinder die Mehrzahl erst lernen müssen
Warum sagen Kleinkinder „Hünde" statt „Hunde"? Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig haben herausgefunden, dass die Reife bestimmter Nervenfasern im Gehirn darüber entscheidet, wann Kinder Pluralregeln sicher anwenden können.
Ein Kind zeigt stolz auf zwei Tiere und ruft: „Schau mal, zwei Hünde!" Falsch – aber klug. Denn das Kind hat verstanden, dass es eine Regel gibt. Es wendet sie nur noch nicht ganz richtig an. Genau dieses kleine sprachliche Stolpern interessiert Forschende am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI-CBS) in Leipzig. Sie untersuchten, was im Gehirn passiert, wenn Kinder die Mehrzahl von Wörtern bilden.
"Bei Erwachsenen wissen wir, dass ganz bestimmte Nervenfaserverbindungen im Gehirn für die Sprachverarbeitung wichtig sind“, erklärt Erstautorin Cheslie C. Klein. Diese Verbindungen funktionieren wie Autobahnen im Gehirn und verbinden verschiedene Sprachzentren miteinander.
Besonders wichtig scheint dabei eine Nervenbahn zu sein, die Bereiche für Wörter und Grammatik miteinander verknüpft. Da sich diese Verbindung erst vergleichsweise spät vollständig entwickelt, wollten die Forschenden wissen, ob sie trotzdem schon im Vorschulalter eine Rolle beim Erlernen von Pluralformen spielt.
Erfundene Wörter als Testmittel
Für die Studie spielten 120 Kinder zwischen drei und fünf Jahren Sprachspiele am MPI-CBS. Sie sahen Bilder von einzelnen Dingen oder Gruppen und sollten sagen, was sie sehen. "Das Entscheidende dabei ist, dass den Kindern Wörter gezeigt wurden, die sie bereits kannten, aber auch völlig erfundene Wörter – zum Beispiel ein ‚Wug'", erklärt Cheslie C. Klein.
So ließ sich prüfen, ob die Kinder die Pluralregel wirklich verstanden hatten und auf neue Wörter anwenden konnten. Zusätzlich machten die Forschenden MRT-Aufnahmen der Gehirne der Kinder.
Die Auswertung zeigte einen deutlichen Entwicklungsschritt zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. Bei Dreijährigen fanden die Forschenden noch keinen Zusammenhang zwischen der Reife der Nervenverbindungen und der Fähigkeit, Pluralformen richtig zu bilden. Bei Vier- und Fünfjährigen zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Je besser die Verbindung ausgereift war, desto sicherer wendeten die Kinder die Regeln an.
Nachahmen hat größere Bedeutung
Die Forschenden fanden außerdem Hinweise darauf, dass Vorschulkinder beim Lernen von Wörtern und Grammatik noch andere Hirnregionen nutzen als Erwachsene. Nach Einschätzung des Forschungsteams könnte das damit zusammenhängen, dass jüngere Kinder neue Sprachformen stärker über Hören und Nachahmen lernen.
Die Studie zeigt damit, dass nicht nur Übung darüber entscheidet, wann Kinder grammatische Regeln sicher anwenden können. Auch die Reifung bestimmter Verbindungen im Gehirn spielt dabei eine wichtige Rolle.
Originalpublikation:
Cheslie C. Klein, Philipp Berger, Charlotte Grosse Wiesmann, Angela D. Friederici: Grammar acquisition in preschool children is related to white matter maturation of the dorsal language network, Developmental Cognitive Neuroscience, Volume 79, 2026.